Wer im Altmühltal einen Stein aufhebt, hält mit etwas Glück 150 Millionen Jahre Erdgeschichte in der Hand. Der Solnhofener Plattenkalk gehört zu den bedeutendsten Fossilfundstätten der Welt — hier wurde der Archaeopteryx entdeckt, das berühmte Bindeglied zwischen Dinosauriern und Vögeln. In diesem Artikel erzählen wir die Geschichte dieses besonderen Gesteins und zeigen, wo man die Fossilien heute erleben kann.
Eine Lagune aus dem Jura
Im Oberjura, vor rund 150 Millionen Jahren, lag das heutige Süddeutschland als Inselgruppe in einem subtropischen Meer. Zwischen flachen Riffen bildeten sich abgeschlossene Lagunen mit extrem hohem Salzgehalt. Tiere, die dort hineingeraten waren, konnten am Boden nicht zersetzt werden — Bakterien überlebten im salzigen Wasser nicht, auch Säugetiere und Aasfresser erreichten den abgeschlossenen Lagunenboden nicht. Stattdessen wurden die Kadaver Schicht für Schicht mit feinem Kalkschlamm bedeckt und in perfekter Ausrichtung konserviert.
Aus diesen Schlämmen ist der Solnhofener Plattenkalk entstanden: ein fein geschichtetes Gestein, das sich mit leichtem Druck in papierdünne Platten spalten lässt. Darin verbergen sich fossilisierte Libellen mit Flügeladern, Fische mit jeder einzelnen Schuppe, Tintenfische mit erhaltenen Tintensäcken — und eben der Archaeopteryx, von dem heute nur rund ein Dutzend vollständige Exemplare bekannt sind. Palaeontologen sprechen von einer „Konservatlagerstätte“: einer Fundstelle, an der nicht nur Knochen, sondern sogar feinste Weichteilabdrücke erhalten sind.
Archaeopteryx und andere Weltstars
Der erste vollständige Archaeopteryx wurde 1861 bei Langenaltheim gefunden — heute als „Londoner Exemplar“ im Natural History Museum zu sehen. Das schönste und besterhaltene Stück ist das Berliner Exemplar, gefunden 1874/75 bei Eichstätt und heute im Museum für Naturkunde Berlin. Alle bisher bekannten Archaeopteryx-Fossilien stammen aus dem Solnhofener Plattenkalk — kein einziges Exemplar wurde jemals woanders gefunden, was die geologische Einzigartigkeit dieser Region unterstreicht.
Doch der Archaeopteryx ist nur die Spitze: Auch Flugsaurier wie der Rhamphorhynchus, zierliche Raubdinosaurier wie der Compsognathus, Schwimmsaurier, Krebse, Schnecken und unzählige Ammoniten wurden hier geborgen. Viele dieser Weltfundstücke sind in regionalen Museen ausgestellt — allen voran im Juramuseum der Willibaldsburg in Eichstätt, das ein eigenes Archaeopteryx-Exemplar besitzt, und im Bürgermeister-Müller-Museum in Solnhofen selbst.
Altmühltal-Motive aus dem Heimatlinien-Shop
Steinbrüche von Solnhofen bis Mörnsheim
Heute wird der Plattenkalk vor allem in Solnhofen, Langenaltheim, Mörnsheim und in der Umgebung von Eichstätt abgebaut. Die Steinbrüche sind Teil eines UNESCO-Global-Geoparks, der sich durch das gesamte Altmühltal zieht. In Mörnsheim und Solnhofen betreiben die Gemeinden Hobbysteinbrüche, in denen Besucher gegen ein kleines Entgelt selbst Platten spalten dürfen — Werkzeuge werden vor Ort gestellt, jeder Fund darf behalten werden. Vor allem Familien mit Kindern kommen hier auf ihre Kosten: Der allererste Ammonit, den man selbst aus einem 150 Millionen Jahre alten Stein holt, bleibt in Erinnerung.
Wer einen ganzen Tag im Altmühltal verbringt, kombiniert den Steinbruch-Besuch gerne mit einer Etappe des Altmühltal-Panoramawegs. Die Wacholderheiden und Felsformationen über dem Flusstal bestehen aus demselben Jurakalk — nur ein wenig fester und älter als die dünnen Platten unten im Steinbruch. Und wer anschließend noch Energie hat, radelt den Altmühl-Radweg hinunter nach Eichstätt, um das Juramuseum zu besuchen.
Vom Druckstein zum Designobjekt
Lange bevor der Archaeopteryx berühmt wurde, war der Plattenkalk für etwas anderes weltweit bekannt: die Lithographie. 1796 erfand Alois Senefelder in München ein Verfahren, bei dem Bilder über einen präparierten Kalkstein direkt auf Papier gedruckt werden. Die extrem feinkörnigen Solnhofener Platten waren dafür ideal und wurden später in alle Welt exportiert — sogar bis nach Nordamerika und Australien. Ab 1857 entwickelte sich daraus ein eigener Wirtschaftszweig, der das Altmühltal über Jahrzehnte prägte: Eisenbahnverbindungen, Arbeiterdörfer und Spezialhandwerke entstanden rund um die Steinbrüche.
Heute werden Plattenkalke vor allem als Fassaden- und Bodenplatten verbaut. Ihre weiche Gelbtönung und die feine, lebendige Oberflächenstruktur prägen viele Gebäude im Altmühltal, in Regensburg und in Eichstätt. Wer genau hinschaut, entdeckt im Stein bisweilen die Abdrücke kleiner Muscheln oder Ammoniten — versteinerte Nachbarn aus dem Jurameer, die auf dem Weg in den modernen Boden eine kleine Reise durch die Jahrmillionen gemacht haben.
Heimatlinien-Tipp
Unser liebster Tag beginnt in Solnhofen mit einem Blick ins Bürgermeister-Müller-Museum, führt anschließend in den Besuchersteinbruch und endet mit einer Brotzeit am Ufer der Altmühl. Wer noch etwas Zeit hat, macht einen kleinen Umweg zum Felsengarten und zur Zwölf-Apostel-Felsgruppe — ein Panorama, das den geologischen Reichtum der Region eindrücklich vor Augen führt. Wer eine kleine Erinnerung mitnehmen möchte, findet bei uns passende Stimmungsbilder: ein Kaffeebecher mit Archaeopteryx oder Ammonit holt jeden Morgen ein bisschen Jurazeit in die Küche. Unsere handgezeichneten Altmühltal-Postkarten zeigen die Landschaft, aus der diese Fossilien stammen. Schauen Sie vorbei und nehmen Sie Ihr Lieblingsmotiv mit nach Hause.
Quellen & Bildnachweise
Quellen
Bildnachweise
- Titelbild: Archaeopteryx lithographica (Berlin specimen).jpg von H. Raab (Vesta), CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
